Gesellschaft für deutsche Sprache [GfdS] wählt Wort des Jahres 2016: “postfaktisch”

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Die Wörter des Jahres 2016 wurden am 9. Dezember 2016 von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) bekannt gegeben. Wie in den vergangenen Jahren wählte die Jury, die sich aus dem Hauptvorstand der Gesellschaft sowie den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammensetzt, aus diesmal rund 2000 Belegen jene zehn Wörter und Wendungen, die den öffentlichen Diskurs des Jahres wesentlich geprägt und das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben sprachlich in besonderer Weise begleitet haben. Nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern seine Signifikanz bzw. Popularität stehen bei der Wahl im Vordergrund: Auf diese Weise stellen die Wörter eine sprachliche Jahreschronik dar, sind dabei jedoch mit keinerlei Wertung oder Empfehlung verbunden.

Die Wörter des Jahres 2016

  • 1. postfaktisch
  • 2. Brexit
  • 3. Silvesternacht
  • 4. Schmähkritik
  • 5. Trump-Effekt
  • 6. Social Bots
  • 7. schlechtes Blut
  • 8. Gruselclown
  • 9. Burkiniverbot
  • 10. Oh, wie schön ist Panama

Das Wort des Jahres 2016 ist postfaktisch. Diese Entscheidung traf am Mittwochabend eine Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden. Sie richtet damit das Augenmerk auf einen tiefgreifenden politischen Wandel. Das Kunstwort postfaktisch, eine Lehnübertragung des amerikanisch-englischen post truth, verweist darauf, dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen »die da oben« bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der »gefühlten Wahrheit« führt im »postfaktischen Zeitalter« zum Erfolg

    • Auf Platz 10, traditionell ein »Satz des Jahres«, wählte die Jury Oh, wie schön ist Panama. Mit diesem Titel eines beliebten Kinderbuchs wurde 2016 wiederholt auf die Veröffentlichung der Panama-Papiere angespielt: auf groß angelegte Enthüllungen über Briefkastenfirmen in Panama. Wegen des Verdachts auf Geldwäsche und Steuerbetrug wurde in vielen Ländern ermittelt; einige führende Politiker wie beispielsweise der isländische Regierungschef mussten zurücktreten. Auch in Deutschland waren offenbar etliche hundert Personen involviert.
    • Das Burkiniverbot (Platz 9), das 2016 in Frankreich verhängt, aber von französischen Gerichten rasch wieder aufgehoben wurde, bewegte, meist im Zusammenhang mit der Debatte um die Vollverschleierung, auch hierzulande die Gemüter. Unter einem Burkini, gebildet aus Burka und Bikini, versteht man einen den ganzen Körper verhüllenden Badeanzug, der bei strenggläubigen Musliminnen Verwendung findet.
    • Als Gruselclown (Rang 8) verkleiden sich seit einer Reihe von Jahren immer wieder Personen, besonders gern in der Zeit um Halloween, um andere Personen zu erschrecken. Oft werden die Überfälle gefilmt und dann im Internet veröffentlicht. 2016 wurde die Spaßgrenze mehrfach überschritten: Es kam zu teils massiven Körperverletzungen, da einige der Clowns – oder auch der Attackierten – bewaffnet waren.
    • Mit dem Vorwurf, sie hätten schlechtes Blut (Platz 7), diffamierte der türkische Staatspräsident Erdoğan türkischstämmige deutsche Bundestagsabgeordnete, die in einer Resolution dafür gestimmt hatten, das türkische Verhalten gegenüber den Armeniern zu Anfang des 20. Jahrhunderts als Völkermord zu bezeichnen. Die GfdS-Jury sieht mit Sorge, dass das Wort Blut wieder Einzug in den politischen Sprachgebrauch hält: Im Zusammenhang mit Volkszugehörigkeit ist es durch den nationalsozialistischen Sprachgebrauch belastet. Ähnlich kritisch sind aus sprachwissenschaftlicher Sicht Forderungen wie die der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry zu bewerten, das NS-Wort völkisch solle positiv besetzt werden.
    • Platz 6 belegt der Ausdruck Social Bots. Unter einem Bot (von englisch robot ›Roboter‹) versteht man ein Computerprogramm, das automatisch bestimmte sich wiederholende Aufgaben bearbeitet. In sozialen Medien können solche Programme dazu eingesetzt werden, um Werbung oder auch politische Propaganda zu verbreiten. Dabei ist meist kaum oder gar nicht erkennbar, dass eine Nachricht oder ein Kommentar nicht von einer realen Person stammt, sondern maschinell erzeugt wurde. Es ist auf diese Weise unter anderem möglich, das Vorherrschen bestimmter Meinungen oder Stimmungsbilder vorzutäuschen.
    • Mit Diskriminierungen und wahrheitswidrigen Behauptungen wie der Aussage, Präsident Obama habe die Terrororganisation »Islamischer Staat« gegründet, hatte der Milliardär Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen in den USA Erfolg. Von Börsenkursen bis zum Politikstil und zum Wahlverhalten in verschiedenen europäischen Ländern: Der Trump-Effekt, von der GfdS-Jury auf Platz 5 gewählt, steht für vermutete Auswirkungen des amerikanischen Wahlkampfs und des für viele überraschenden Ergebnisses.
    • Schmähkritik (Platz 4) nennt man eine kritische Äußerung, bei der nicht eine sachliche Auseinandersetzung, sondern die Diffamierung einer Person im Vordergrund steht. Die Grenzen des Erlaubten versuchte der Satiriker Jan Böhmermann durch ein beleidigendes Gedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Erdoğan mit dem Titel Schmähkritik vor Augen zu führen. Er wurde daraufhin von türkischer Seite angezeigt. Die Bundesregierung ließ die Strafverfolgung zu, die Staatsanwaltschaft stellte später das Verfahren jedoch ein, weil aus ihrer Sicht strafbare Handlungen nicht mit der erforderlichen Sicherheit nachzuweisen waren.
    • Mit der altbekannten Zusammensetzung Silvesternacht (Platz 3) wurde 2016 eine neue, unerfreuliche Assoziation verbunden. Gemeint waren die sexuellen Übergriffe auf Frauen sowie andere Straftaten, die in der Nacht auf den 1. Januar 2016 in Köln und etlichen anderen Städten von Gruppen junger Männer aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum verübt worden waren. Der Polizei wurde vorgeworfen, sie habe die Lage nicht unter Kontrolle gehabt und habe zunächst verharmlosende Darstellungen der Ausmaße gegeben. Die Vorkommnisse führten zu einer öffentlichen Debatte über das Frauenbild muslimischer Männer und über Verschärfungen des Asylrechts. Eine juristische Aufarbeitung erwies sich in vielen Fällen als schwierig, da eine zweifelsfreie Ermittlung der Täter kaum möglich war.
    • Auf Platz 2 wählte die Jury Brexit . Das Ergebnis des Referendums über den Verbleib Großbritanniens in der EU, das am 23. Juni stattfand, war ein Triumph postfaktischer Politik. Mit zum Teil gezielten Fehlinformationen schürten die Befürworter des Austritts den Unmut in der Bevölkerung. Die Wortkreuzung Brexit (Britain + Exit), mit der spätestens seit 2012 ein möglicher EU-Austritt Großbritanniens bezeichnet worden war, stand 2016 als beherrschender Ausdruck in einer Reihe ähnlicher Wortbildungen. Zum Teil ging es dabei auch um die Frage eines Ausscheidens aus der Eurozone. Kaum noch eine Rolle spielte zwar der 2015 nach mühsamen Verhandlungen abgewendete Grexit (Griechenland), hingegen wurde immer wieder einmal ein möglicher Spexit (Spanien) oder Itexit (Italien) thematisiert. Über einen Frexit wurde für den Fall spekuliert, dass 2017 die Rechtspopulistin Marine Le Pen die Präsidentschaftswahlen in Frankreich gewänne.
    • Das Wort des Jahres 2016 ist postfaktisch. Die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) richtet damit das Augenmerk auf einen tiefgreifenden politischen Wandel. Das Kunstwort postfaktisch, eine Lehnübertragung des amerikanisch-englischen post truth, verweist darauf, dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen »die da oben« bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der »gefühlten Wahrheit« führt im »postfaktischen Zeitalter« zum Erfolg.

 

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Aus einer Sammlung von mehreren tausend Belegen aus verschiedenen Medien und Einsendungen von Außenstehenden wählt die Jury, die sich aus dem Hauptvorstand der Gesellschaft sowie den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammensetzt, kurz vor Jahresende zehn Wörter, die die öffentliche Diskussion dominiert und ein Jahr wesentlich geprägt haben. Für die Auswahl der Wörter des Jahres entscheidend ist dabei nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern vielmehr seine Signifikanz und Popularität: Die Liste trifft den sprachlichen Nerv des sich dem Ende neigenden Jahres und stellt auf ihre Weise einen Beitrag zur Zeitgeschichte dar. Die ausgewählten Wörter und Wendungen sind jedoch mit keinerlei Wertung oder Empfehlung verbunden.

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