Literatur-Nobelpreis 2017 für Kazuo Ishiguro

KAZUO ISHIGURO (David Cooper/Toronto Star via Getty Images)

Kazuo Ishiguro erhält den Literatur-Nobelpreis

Dieser Überraschungscoup ist der Schwedischen Akademie, deren Jury den Nobelpreis für Literatur vergibt, gelungen: Kazuo Ishiguro stand nicht unter den meistgewetteten Namen für die weltweit wichtigste Auszeichnung, die ein Schriftsteller erlangen kann – und doch ist der 1954 im japanischen Nagasaki geborene britische Autor ein würdiger Preisträger. Zwei Romane sind es insbesondere, mit denen Kazuo Ishiguro bekannt wurde: Zum einen “Was vom Tage übrigblieb” (im Original 1989 unter dem Titel “The Remains of the Day” erschienen) – die Geschichte eines Butlers, der bei einem englischen Lord mit schwer durchschaubaren Verstrickungen in die Politik zwischen den Weltkriegen angestellt war. Und zum anderen “Alles, was wir geben mussten” (2005 als “Never Let Me Go” erschienen) – die dystopische Geschichte von Klonen, die als menschliche Ersatzteillager herhalten sollen.

Die Nobelpreis-Jury zeichnete Ishiguro für “seine Romane von starker emotionaler Kraft” aus, wie die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm bekannt gab. Darin lege er den Abgrund unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt bloß, hieß es weiter.

Erfolgreiche Verfilmungen

Als Fünfjähriger kam Kazuo Ishiguro mit seiner Familie nach Großbritannien, wo der Vater, ein Ozeanograf, auf den Ölfeldern der Nordsee arbeitete. Als Jugendlicher strebte Ishiguro ein Laufbahn als Popmusiker an. Im Studium lernte er kreatives Schreiben bei Malcolm Bradbury, nach einigen Kurzgeschichten erschien 1982 sein Romandebüt “A Pale View of Hills”. Es erzählt von einer Japanerin, die nach dem Tod ihres zweiten Mannes und dem Selbstmord ihrer Tochter aus erster Ehe an jene bedrückenden Monate der Schwangerschaft zurückdenkt, die sie – “Damals in Nagasaki”, so die deutsche Übersetzung – in einem Hochhaus am Rande der verwüsteten Stadt erlebte.

Auch Ishiguros zweiter Roman, “An Artist of the Floating World” (1986; “Der Maler der fließenden Welt”), spielte im Japan der Nachkriegsjahre. Das Buch erhielt vor allem in Großbritannien glänzende Rezensionen und war ein Bestseller, während der Verkauf in den USA ähnlich enttäuschend verlief wie bei Ishiguros Erstling. Das änderte sich 1989 mit “The Remains of the Day”. “Was vom Tage übrigblieb” wurde 1993 von James Ivory mit Anthony Hopkins und Emma Thompson in den Hauptrollen sehr erfolgreich verfilmt, wie auch Ishiguros zweites Meisterwerk “Alles, was wir geben mussten”: In der Verfilmung von 2010 spielten Carey Mulligan, Keira Knightley und Andrew Garfield die jugendlichen Hauptfiguren.

Die Nobelpreisjuroren würdigen in ihren biografischen Notizen die “vorsichtig zurückhaltende Ausdrucksform” in Ishiguros Schreiben, “unabhängig davon, welche Dinge sich ereignen”. Seine jüngeren Werke nehmen Einflüsse aus der fantastischen Literatur auf. Eine große Rolle spielt auch die Musik, insbesondere bei den Kurzgeschichten im Band “Nocturnes: Five Stories of Music and Nightfall” (“Bei Anbruch der Nacht”) von 2009. Insgesamt hat der 62-Jährige acht Bücher veröffentlicht, zuletzt erschien 2015 der Roman “Der begrabene Riese” im Blessing-Verlag München. Daneben arbeitete Ishiguro auch an Drehbüchern. Für die Jazz-Sängerin Stacey Kent schreibt er Songtexte. Kazuo Ishiguro lebt mit seiner aus Schottland stammenden Frau und der gemeinsamen Tochter in London.

Erster Brite seit 2007

Den Preisträger wählt die Schwedische Akademie, die aus Schriftstellern, Literatur- und Sprachwissenschaftlern und Historikern besteht, aus fünf Kandidaten auf einer nicht-öffentlichen Shortlist aus. Letzte deutschsprachige Preisträgerin war die Schriftstellerin Herta Müller 2009. Großbritannien war zuletzt 2007 bedacht worden – für Doris Lessing. Ein in Japan geborener Schriftsteller wurde zuletzt 1994 mit Kenzaburo Oe prämiert. Die mit neun Millionen schwedischen Kronen (rund 940.000 Euro) dotierte Auszeichnung wird erst am 10. Dezember – dem Todestag von Preisstifter Alfred Nobel (1833-1896) – gemeinsam mit den Nobelpreisen für Medizin, Physik und Chemie in Stockholm verliehen. Nur der Friedensnobelpreis wird in Oslo überreicht.

Die Preise gehen auf Nobels Testament zurück und werden seit 1901 vergeben. Darin legte der Dynamit-Erfinder fest, dass derjenige geehrt werden solle, der in der Literatur im jeweiligen Jahr “das Ausgezeichnetste in idealer Richtung” hervorgebracht hat.