August 2016 – Anne-Katrin Weis – Gründerin des Kleinen Literatur-Raums

LeGouffre03HDRb_FranceMarch2014-1Wie wahrscheinlich jeder Mensch denke ich immer gern an die Ferien als Kind. Wir verbrachten sie viele, viele Sommer lang in einem kleinen Haus auf einer kleinen, autofreien Insel in einem winzigen, windschiefen Haus am Meer. Eine herrliche Zeit. Eigentlich gar keine Zeit, sondern ein Zustand, also das Gegenteil von verstreichender Zeit. Es war heiß, hell und still und vollkommen unaufgeregt. Am ersten wie am letzten Tag, sechs Wochen lang. Das Meer rauschte und rauschte und rauschte. Der Wind und das Wasser machten unsere Haut salzig, die Sonne brannte auf die Heide, bis das Kraut gelb war, und auf unsere Haare, bis sie hellgelb waren. Damals als die Zeit noch unendlich schien und Langweile kein Luxus, sondern manchmal Last war. Insellomographie_edit1Wir, das waren mein Bruder und ich. Später als wir unsere eigenen Wege gingen, in andere Städte zogen, “eigene” Meinungen vertraten, sich sogar unser Land veränderte blieb uns diese Erinnerung; an endlose, glückselige, unbeschwerte Lesesommer.

Die Kirschen im Garten meines Großvaters

Sommergefühl, das bedeutet für mich auch, beim morgendlichen Barfußgang durch den Garten in selbst IMG_20160630_084230gepflückte Kirschen zu beißen. Das erinnert mich an Kindertage in dem duftenden Kirschgartenparadies meines Großvaters. Für mich waren sie das Paradies. Man pflanzte etwas in den Boden, ließ ihm Pflege angedeihen, und es entstand etwas, wovon man leben konnte. Etwas was man ernten konnte. Die Arbeit im Garten, die Teilhabe am Segen und an der Vollkommenheit der Natur entspricht -neben Büchern- meiner Vorstellung vom absoluten Glück. Gute Literatur hat bis heute eine unglaubliche Strahlkraft für mich und die Fähigkeit Platz für neue Gedanken zu schaffen. Buch für Buch, Regal für Regal habe ich mich durch die Sommer geschmökert, lernte Bücher lieben und mir einzuverleiben wie Kirschen. IMG_20160630_083453Ordnete sie, versuchte das die Bücher einem nicht den Rücken zudrehten, sondern sichtbar im Regal standen, sich besser in Telleregalen an den Wänden aufreihten, statt sie in der Hausbibliothek zu verstecken. Oft wurde ich schon gefragt was mein Lieblingsbuch sei und warum. Aber wie einer Mutter, fällt es mir schwer mir einen Liebling unter den Kindern zu erwählen, mich auf ein Buch festzulegen, zumal Bücher ja immer wieder neu verstanden werden können, je nachdem in welcher Lebenssituation wir uns gerade befinden.

Annes sieben Favoriten

IMG_20160630_085543Ich wähle heute (vorerst) keine Literatur im klassischen Sinne. Sondern habe mich beinah ausschließlich für Bildbände, schöne Bücher oder sogenannte Coffee table books entschieden. Bücher die man an heißen Sommertagen durchblättert, bewundert und durchwandert mit seiner eigenen Geschichte und Wahrnehmung aufnimmt und die uns letztendlich wie ein Impuls zu (neuen) Themen, zur (klassischen) Literatur, zu (wichtigen) Büchern führen … Bücher die wir einfach lesen müssen.

BIBLIOTHEKEN von Candida Höfer mit einem Essay von Umberto Eco

Bibliotheken sind heilige Orte: Kathedralen des Geistes undAnna Amalia Bibliothek Weimar Kornkammern des Wissens, Tempel der Weisheit, Oasen der Stille, Reich der Phantasie … die Bilder, die Photographin von Candida Höfer sind Kunstwerke. Jeder der mit Büchern zu tun hat muss diese Bilder einmal gesehen haben. Obwohl ihre Bilder viel Sachlichkeit und manchmal funktionale Architektur ausstrahlen, ist jedes Bild von einer sakralen Feierlichkeit durchweht das nichts vom Charme prächtiger Klosterbibliotheken des Barock, den Bücherspeichern altehrwürdiger Universitäten oder den Bildungskabinetten aufgeklärter Fürsten einbüßt. Besonders beeindruckend für mich das Bild der Weimarer Anna Amalia-Bibliothek kurz vor der Brandkatastrophe. Ecos Wunsch: eine “lustvolle Bibliothek” in der Studentenpärchen einen Nachmittag lang auf dem Sofa sitzen können, nicht um ungestört zu küssen, sondern um einen Teil ihres Flirts zwischen Büchern auszuleben, Bücher von literarischem oder wissenschaftlichem Interesse – wie im Museum of Modern Art in New York, wo man Filme sehen kann, durch den Garten schlendern darf, die Statuen betrachtet, sich in Leseecken zurück ziehen und eine Tasse Kaffee oder Champagner bekommen kann – eine Utopie die er gerne auch in europäischen Bibliotheken verwirklicht gesehen hätte.

THIS IS IRELAND von M. Sasek

IMG01091-20110806-1504IrlandEin begnadeter Autor und Illustrator der nicht viele Worte brauchte um die großen Städte oder Kulturen der Welt auf eine einzigartige  und spielerische Weise darzustellen und ich finde es gut wenn für Kinder nicht nur Wissen sondern auch Schönheit (der Buchkunst) vermittelt wird. Anfang der Sechzigerjahre sind Saseks Städtebücher (u.a. über Paris, London, Rom und New York) entstanden, sie machten ihn populär und überaus erfolgreich. Das klare Layout, Saseks besonderer Strich, sein freundlicher Witz und seine Liebe zum sprechenden Detail waren stilprägend. Seine Bücher entfalten einen unwiderstehlichen nostalgischen Reiz und wirken heute, ein halbes Jahrhundert später, noch ebenso unverbraucht und hinreißend wie damals. Ein Buch auch zum verschenken und verlieben  – es weckt das Reisefieber und bewahrt Erinnerungen – ein Augenschmaus für Kinder & Erwachsene und  für mich lebt meine Irlandreise in diesem Buch auf jeder Seite wieder und wieder auf. “The greatest treasure of the Trinity College Libary is the Book of Kells …”

DIE WELT VON NARNIA von C. S. Lewis

Meine Kinderbuchwelt war geprägt von deutschen Klassikern, doch von Narnia las ich als Kind noch nichts. Wie auch? Im Osten Deutschlands waren solche narnia-1Bücher volksgefährdend. Heute liest sich mein Sohn, der für mystische Geschichten sehr empfänglich war und ist, durch die Welt von Narnia und ich weiß manchmal nicht wer von uns diese Odyssee mehr liebt. Aus dem Kern eines silbernen Apfels entstand der Kleiderschrank. Durch den Kleiderschrank kamen vier Kinder. Diesen vier Kindern wurde ein besonderer Zauber zuteil. Aus diesem Zauber entstanden sieben unvergessliche Geschichten. Heute denke ich: Man vergisst oft, in welchen guten Zeiten wir leben, trotz aller (politischen) Stürme. Aber vielleicht sollten wir uns mehr erinnern, dass dies nicht immer so war und vielleicht kann man das erst verstehen, wenn man auch mal unterwegs war in fernen Ländern oder seiner Phantasie.

Paula Modersohn-Becker Kinderbildnisse von Christa Murken

Paula ModersohnIch bereiste Worpswede weil ich für Rilke schwärmte – damals. Aber nachhaltig hat mich das Leben und Schicksal der Künstlerin Paula Modersohn-Becker bewegt. Als sie mit 31 Jahren nach der Geburt ihres ersten Kindes starb, hinterließ sie bereits unendlich viele Werke die in besonderer Weise dem Thema Kinderbildnis gewidmet waren. In nur sieben Jahren entwickelt Paula eine eigene Formsprache ihrer einfühlsamen Porträts die ganz ohne zeittypische Sentimentalität oder Gefälligkeiten auskam. Obwohl sie zu Lebzeiten um Anerkennung rang, lebte sie für die Malerei und verlor nie ihren Blick für Kinder und deren Gefühlswelten. “Daß man einmal Kind war, gar nichts dachte, lebte, ruhig lebte […]” schrieb sie 1899. Mich berühren diese Kinderbildnisse immer wieder neu.

WERNER KLEMKES GESAMMELTEN WERKE von Horst Kunze

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1969 war bei Erscheinen im Verlag der Kunst, Dresden die erste Auflage sofort vergriffen. Die Presse hatte Mühe noch ein Exemplar zu bekommen, um den Autor des Buches zu rühmen. Ein Kaleidoskop voller Humor und angenehmer Frechheiten, origineller Weltsicht, weisem Witz und pikanter Güte. Viele, viele dieser Bilder wenn auch damals “hinter dem eisernen Vorhang” nur in Begrenzung und kleiner Auswahl – begleiteten mich durch die Kindheit. Seien es die Illustrationen der ABC-Zeitung, der Grimm-Märchenbücher, Kalender, Plakate oder Kinderbücher wie “Wir haben (k)einen Löwen!”,  für mich Raritäten einer Heimat die es so nicht mehr gibt. Aber sie ist konserviert in meiner Erinnerung und diesen wunderschön-illustrierten Büchern.

EINÜBUNG INS PARADIES von Ingo Schulze

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Als ich im März 2016 zufällig auf der Leipziger Buchmesse von der Künstlergruppe augen:falter hörte war ich vom Fleck weg begeistert. Ein Zusammenschluß von acht Künstlerinnen die alle die Liebe zum schönen Buch und das Arbeiten mit originalgrafischen Techniken verband. Eine Hommage an die Zeit des Buchdrucks, den nur noch wenige Werkstätten überhaupt beherrschen. Für den Text haben die Künstlerinnen dann den Autor Ingo Schulze gewinnen können. Entstanden ist eine schwerelose Erzählung die ganz wunderbar die Geschichte und Atmosphäre des Berliner Tierparks aus der Sicht einer Besucherin einfängt. Es gibt acht farbige und schwarz-weiß Holzschnitte (gedruckt auf einer historischen Schnellpresse des Museums der Arbeit in Hamburg), ebenso wie der Text (ein Bleisatz der mit einer Zeilensetzmaschine aus dem Museum für Druckkunst in Leipzig) hergestellt wurde. Und der Buchumschlag ist ein großes Bild des Ganzen – mehrfach gefaltet, so das man  dieses Kunstwerk einfach in einem Rahmen entfalten muss … denn wer erinnert sich schon täglich ans Paradies?

JERUSALEM – EIN KOCHBUCH von Ottolenghi und Tamimi

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Selten habe ich mich so lange mit einem Kochbuch beschäftigt wie mit Jerusalem. Dabei leben beide Autoren, beide Köche schon seit über 20 Jahren nicht mehr in der Stadt. Aber so gut wie Ottolenghi und Tamimi Geschmack und Gerüche wie eine Muttersprache in ihren Gerichten (und wunderschönen Fotos) wiedergeben, so verständlich und verlockend sind die Gerichte erklärt. Es geht hier nicht nur um  Kirchererbsenpüree … das Kochbuch ist ein Reisführer für die Sinne und ein Plädoyer für einen Dialog zwischen Juden und Arabern. Beide Kulturen zelebrieren ihre Gastfreundschaft leidenschaftlich und mit überwältigender Herzlichkeit. Gästen werde Berge von Essen aufgetischt. Die Zutaten werden auf denselben Märkten eingekauft. Dieses (Koch-)Buch zeigt das es kulinarisch möglich ist Grenzen niederzureißen und vielleicht ist es der Hummus der die Menschen in Jerusalem wieder zusammenbringen kann. Meine ganz persönliche Kochbuchentdeckung in diesem Jahr.