Belletristik Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017

Ein Mann, eben stand er noch am Eingang eines Warenhauses, folgt aus einer Laune heraus einer Frau. Er kennt sie nicht, sieht sie auch nur von hinten – und macht es sich zur spielerischen Aufgabe, sie in der Menge nicht zu verlieren. In einer knappen Stunde hat Philip ohnehin einen Termin. Aber schon fragt er sich, ob der nicht auch zu verschieben wäre, bis zur Abendverabredung bliebe ja noch etwas Zeit… In “Hagard” folgt Lukas Bärfuss einem Verfolger. Etwas unbestimmt Bedrohliches liegt dabei in der Luft, und die Spannung und Getriebenheit Philips überträgt sich über die dichte Schilderung auch auf den Leser.

“Der Scheick von Aachen” von Brigitte KronauerFür Mario setzt Anita alles auf eine Karte: Sie gibt ihren Job in Zürich auf und zieht zurück in ihre Heimatstadt Aachen. Dort wohnt auch ihre Tante Emmi, der sie sich sehr verbunden fühlt, die allerdings die Beziehung zu Mario skeptisch betrachtet. Der Antiquitätenhändler Marzahn dagegen, bei dem Anita eine Anstellung findet, ist von Anitas schwärmerischer Liebe fasziniert. Besessen versucht er, ihr die Liebe in all ihren Schattierungen zu erklären. Auch die Geschichten, die Anita in Anlehnung an Wilhelm Hauffs Zyklus “Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven” ihrer Tante zu deren Zerstreuung erzählt, kreisen um dasselbe Thema.

 

Das Periodensystem der Elemente weist “118” bekannte chemische Elemente aus. Dieser strengen Ordnung steht eine Vielfalt von Gegenständen und Lebewesen, Phänomenen und Prozessen gegenüber. Ziel und Spiel von Steffen Popps neuem Buch ist, eine Auswahl dieser Gegenstände und Phänomene poetisch zu fassen – von Salz bis Esprit, von Monster bis Flaum, von Parallelerde bis Zeug. Auf diese Weise entstehen hinreißende kleine Tableaus, frech, witzig und originell, klangvoll und rhythmisch arrangiert, die aus dem chemischen gleichsam ein poetisches Periodensystem bilden.

 

Kirio” muss man einfach verfallen: Er läuft gern auf den Händen und stellt auch sonst alles auf den Kopf. Er spielt Flöte und redet mit Steinen und Fledermäusen ebenso selbstverständlich wie mit Menschen. Er nimmt alles für bare Münze, bis auf die bare Münze selbst. Er vollbringt Wunder über Wunder und merkt es nicht. Anne Webers neuer Roman ist ein poetischer Grenzgang zwischen Himmel und Erde, eine zauber- und rätselhafte Geschichte, witzig, intelligent und anspielungsreich, die in der experimentellen Tradition der Moderne steht.

 

Natascha Wodin erzählt die Geschichte ihrer Mutter “Sie kam aus Mariupol”, die aus der gleichnamigen ukrainischen Hafenstadt stammte und in die Fänge zweier Diktaturen geriet: Als junge Frau erlebt sie den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror, wird 1944 von den Nazis als „Ostarbeiterin“ nach Deutschland verschleppt, überlebt die Zwangsarbeit und zerbricht daran. Nach intensiven Recherchen zeigt Natascha Wodin in ihrem Buch über ihre Mutter historisch aufschlussreich, fesselnd und plastisch, wie das Zeitgeschehen in das Leben einzelner eingreift und bringt dem Leser ein Schicksal nahe, das beispielhaft für Millionen andere stehen kann.

Leipziger Buchmesse 2017