Konzept

Wie man lesen lernt… weiß man kaum noch, wenn man es erst einmal kann. Man tappt wie in dickem Nebel herum, sucht und tastet, horcht und prüft, grübelt und wartet. Man will begreifen und hofft, dass all diese schwarzen Zeichen einen Sinn bekommen werden.

Irgendwann beginnt sich der Nebel zu lichten. Wörter ergeben sich zu erkennen. Sätze bauen sich auf. Ganze Geschichten entstehen. – Auf dem Papier? Im Kopf? Oder entfalten sie sich schwebend zwischen dem bedruckten und beschriebenen Papier und dem denkenden Kopf?

26 Rätsel ergeben plötzlich einen Sinn

Auf jeden Fall muss man die sechsundzwanzig Buchstaben mit Namen kennen und zu jedem den kleinen Bruder wissen. Der hat denselben Namen und sieht ähnlich aus wie U ~ u oder auch ganz anders wie E ~ e. Später muss man begreifen, wie e und u als eu und e und i als ei klingen. Und kaum hat man verstanden, dass S und c und h zusammen Sch gesprochen werden, tauchen Wörter auf, bei denen nur ein S zu sehen, aber ein Sch zu hören ist, wie in Stern und Storch.

Wenn man weiß, wie die Buchstaben heißen, kann man noch kein Wort lesen. Man muss sie erst zusammenfügen, von links nach rechts: Ha-O-eS-E. Etwa so? Was soll das sein? Das zu erkennen ist leichter, wenn man nicht die Namen der Buchstaben benützt, sondern sie beim Lesenlernen als die Laute hört und spricht, als die sie in den Wörtern vorkommen. Da liest man dann vielleicht: H-O-S-E.

Das ist nur noch kein Wort. Die Laute müssen zusammenschmelzen, im Mund und im Ohr: HHHOOOSSSEEE. Aber was bedeutet das? Die vertrautesten Wörter werden fremd, wenn man sich so sehr um sie müht! Jetzt kann ein Bild helfen oder wiederholtes Sprechen, Spüren und Horchen. Plötzlich stellt sich das „Aha“! ein. Das Lesekind lächelt. Es hat das Wort erkannt und wiederholt nun mit Verstand: Hose!

Für jedes einzelne Wort braucht es dieses „Aha!“, nur kommt es mit der Zeit selbstverständlicher und schließlich unmerklich. Jedes Mal ist es eine Freude. Wer nicht abwarten kann, bis sich im Kopf des Lesekindes Zeichen-, laut- und Erfahrungsgestalt zueinander fügen, wer ihm das fertige Wort vorsagt, betrügt es um diese Freude des Entdeckens.

Die eigene Welt wird weiter und reicher

Lesen lernt man, weil man sich etwas davon verspricht: die Begegnung mit neuen Erfahrungen, fremden Ideen, üppigen Phantasien, großen Gedanken, mit freundlichen und feindlichen Mächten, mit Bildern des Lebens, die die eigene Welt weiter und reicher machen. Wer als Kind viel vorgelesen bekommt, weiß vor dem Lesenlernen, dass all dies in Büchern aufbewahrt ist. Wer sich in Bilderbücher vertiefen durfte, weiß, wie dort Fremdes und vertrautes miteinander verwoben sein können.

Zum Lesenlernen braucht man ein Buch, das ahnen lässt, was Bücher einem Menschen bedeuten können. Lesenlernen ist eine große Erfahrung, die Kraft braucht und Ruhe, Mut und Geduld und einen Raum, bis man allmählich immer leichter den Weg aus dem Nebel in die Klarheit findet. Jedes Kind muss seinen eigenen Weg finden, trotz digitalisierter und bilingualer Welt … bleibt das Öffnen eines Buches in der Muttersprache ein großes LeseAbenteuer. (ABC – U. Andresen – Beltz & Gelberg)