November 2016 – Dr. Joachim Hüter – BASF Product and Application Manager Europe, West Asia & Africa

RGL-FastnachtDr. Joachim Hüter Wie viel Begeisterung und Enthusiasmus steckt eigentlich im täglichen Broterwerb in dem einst frei gewählten Beruf? Nun – mit seiner Arbeit ist er über die Jahrzehnte gewachsen und übt sie immer noch gern aus. Aufgewachsen ist Joachim Hüter im Süden von Hessen, und geographisch ist er dieser Gegend, bis auf ein paar Jahre in Nordrhein-Westfalen, weitgehend treu geblieben. Studium der Agrarwissenschaften und Promotion in Gießen, danach u.a. Redakteur einer Fachzeitschrift in Frankfurt am Main, bis es ihn schließlich wieder in die alte Heimat, den Großraum Mannheim zog. Unterhält man sich jedoch ein wenig tiefgründiger mit ihm, fragt man sich bei seiner Musikkenntnis die über das übliche Maß hinaus geht vor allem bei der Barockmusik, warum er nicht einen musischen Beruf wählte.  „Nur eine Insel, ein Ausgleich zum profanen und lebenssichernden Tagwerk“, entgegnet er dann mit einem fast verlegenen Schmunzeln.Literatur dagegen war für mich nie eine Hauptsache. Von all dem, was ich im Lauf der Jahre gelesen habe oder  lesen musste, war leider nur ein kleiner Teil Poesie. Dennoch – einige Bücher haben mich gefesselt, gefangen genommen und durch mein Leben geleitet. Wenn ich nun sieben davon auswähle, so sind es jene, die subjektiv betrachtet eine Bedeutung über den Tag hinaus besitzen und die ich mehr als einmal in die Hand genommen habe“.

Wilhelm Busch – Sämtliche Werke in 2 Bänden – Und die Moral von der Geschicht I- Was beliebt ist auch erlaubt II

wilhelm-busch“Wenn wir uns zurückversetzen, wollten wir das alle einmal … “beliebt ist auch was erlaubt”. Deshalb haben uns früher wohl Max und Moritz so begeistert. Deren Streiche strahlen etwas Anarchisches aus, das sich gegen jede Herrschaft auflehnt. Die beiden Lausbuben haben einfach das gemachtbusch, was Kinder sonst nicht dürfen. Der Moral der Entstehungszeit um 1860 ist geschuldet, dass Max und Moritz ein böses Ende nehmen. Aber das wurde von mir irgendwie ausgeblendet. Wilhelm Busch wäre wahrscheinlich lieber als Maler bekannt geworden, fast 1000 Gemälde hat er hinterlassen. Erfolgreich war er aber mit Max und Moritz. Diese und seine vielen anderen Bildergeschichten machten ihn zum Urvater des modernen Comics. Aber nicht nur seine Zeichnungen haben fasziniert, sondern auch die gereimten Verse. Busch spielte mit der Sprache, zeigte, dass Worte nicht nur zu Mitteilungen taugen, sondern dass Lesen auch Spaß vermitteln kann. Das war neu und in dieser Hinsicht war seine Lektüre motivierend, hat die Fährte dafür gelegt, auch weitere Bücher in die Hand zu nehmen. Freude kann Wilhelm Busch auch heute noch machen. Wer sich nicht mehr genau an Die fromme Helene, Plisch und Plum oder Hans Huckebein erinnert, kann ja noch einmal nachlesen. Erlaubt ist das auch Älteren. Denn wie Busch selbst sein Naturgeschichtliches Alphabet untertitelt, ist es verfasst für „größere Kinder und solche, die es werden wollen“.

Der letzte Held von Thomas Berger

“Als Junge ist man auf der Suche nach Abenteuern. Und weil die im wirklichen Leben so rar sind, suchtder-letzte-held little-big-manman sie eben woanders. Buchempfehlungen habe ich damals wenig vertraut. In einem Fall war das aber anders, selbst wenn der Tipp von meinem Englischlehrer kam. Der letzte Held von Thomas Berger hat mich wirklich mitgerissen, so dass ich die mehr als 500 Seiten regelrecht verschlungen habe. In diesem literarischen Western erzählt ein über 100 Jahre alter Mann seine Lebensgeschichte, wie er als Kind im Alter von zehn Jahren bei Indianern aufwächst und in die Auseinandersetzungen zwischen Siedlern und Indianern verstrickt wird. Es ist die aufregende, ernste und auch amüsante Geschichte eines kleinen Mannes, der versucht, mit zwei verschiedenen Welten zu Recht zu kommen und sich über die Eroberung des amerikanischen Westens seine eigenen Gedanken macht. Das Buch war die Vorlage für den Hollywood-Film Little Big Man mit Dustin Hoffmann in der Hauptrolle. Klar, dass ich mir den auch angesehen habe.”

So zärtlich war Suleyken von Siegfried Lenz

suleyken“In ihre Heimat kehren Menschen manchmal in ihren Gedanken zurück, zumal wenn sie untergegangen und unwiederbringlich ist. So macht es Siegfried Lenz in So zärtlich war Suleyken. In diesen 20 masurischen Geschichten aus einem fiktiven Dorf in seiner alten Heimat nimmt er die Schläue, Tücke und Dickköpfigkeit der Menschen liebevoll auf die Schippe.suleyken-ii Es sind höchst unterhaltsame Entdeckungsreisen in die Seele der Masuren, bei der Lenz ein Panoptikum skurriler Gestalten und absurder Situationen aufbietet. Das Büchlein ist leichtes und amüsantes Lesefutter, das einen durchgehend schmunzeln lässt und mir beste Unterhaltung beschert hat. Jeder, der diese Geschichten zum ersten Mal lesen darf, ist um das Vergnügen zu beneiden.”

Die Sonette von William Shakespeare

shakespeare“Ob der vor 500 Jahren gestorbene William Shakespeare wirklich der Autor der Werke ist, die seinen Namen tragen, darüber wird heute gestritten. Eindeutig ist allerdings die Einordnung, kein anderer Schriftsteller hat wohl Größeres geschaffen. Obwohl shakespeareShakespeares 154 Sonette im Schatten seiner Bühnenwerke stehen, sind sie unvergleichlich und die schönsten Liebesgedichte, die mir bis heute vor die Augen kamen. Sie kreisen um die großen Themen Zeit, Tod, Liebe und Glück. Wer großartige Lyrik in kleinen Dosen genießen möchte, findet hier ein einmaliges Angebot. In der zweisprachigen Ausgabe, die ich gelesen habe, stehen sich das Original und die Übersetzung gegenüber. Hier wird einem klar, dass es sich um in der Regel um brilliante Nachdichtungen handelt, die viel mehr sind als bloße Übertragungen ins Deutsche.”

Die Liebe in den Zeiten der Cholera von Gabriel Garcia Marquez

die-liebe-in-zeiten“Nichts auf der Welt ist schwieriger als die Liebe, schreibt Gabriel Garciadie-liebe-in-film Marquez ín Die Liebe in den Zeiten der Cholera. Und er hat Recht. Das wissen alle, die einmal unter Liebeskummer gelitten haben. 51 Jahre, 9 Monate und 4 Tage wartete Florentino Ariza auf Fermina Daza. Schon als Achtzehnjähriger hatte er sich unsterblich in sie verliebt und in poetischen Briefen um sie geworben, für kurze Zeit ihre Aufmerksamkeit gewonnen, und sie dann hat sie doch an Doktor Juvenal Urbino geheiratet. Obwohl Florentino viele andere Frauen hatte, ist er im Herzen Fermina immer treu geblieben. Gleich nach dem Tod ihres Mannes erklärt er ihr, noch am Abend der Beerdigung, erneut seine Liebe. Sie wird zur Frau seines Alters, und was unerreichbar schien, erfüllt sich letztlich – wenn auch sehr spät. Diese anrührende Geschichte von Marquez habe ich als Ermutigung gelesen, sich nie von seinen Hoffnungen zu verabschieden, auch wenn es aussichtslos erscheint, dass sie sich realisieren.”

Drei traurige Tiger von Guillermo Cabrera Infante

kuba“Junge Menschen sind auf der Suche, nach Unterhaltung, Abwechslung, der Liebe und vor allem nach sichdrei-traurige-tiger selbst. Das beschreibt Guillermo Cabrera Infante in seinem Roman Drei traurige Tiger. Darin durchstreifen drei junge Männer im Havanna vor der kubanischen Revolution den Dschungel aus nächtlichen Straßen, Bars und Absteigen. Man hängt rum, säuft zu viel, fährt zu schnell, macht Frauen an, albert und labert oft einfach nur dummes Zeug. In einer aus vielen Erzählsträngen bestehende Handlungen entdeckt der Leser pure Lebensfreude, Melancholie und Komik. Ein kleiner Gag ist das Kapitel Ein paar Enthüllungen. Man blättert um und findet: nichts als ein paar leere Seiten. Warum hat mich dieser Konversationsroman in moderner Form angesprochen? Vermutlich auch weil er in meinem Geburtsjahr spielt und die Protagonisten während ihrer nächtlichen Autofahrten die Musik von Bach hören.”

Ulysses von James Joyce

ulysses“Was die Erzählweise von Cabrera Infante betrifft, erscheint es mirimages-kleeblatt-irland offensichtlich, dass er sich von einem anderen, ganz großen Schriftsteller hat inspirieren lassen, von James Joyce. Dieser Ire aus Dublin hat uns mit seinem Ulysses ein sprichwörtlich dickes Buch hinterlassen, das inzwischen bereits Generationen beschäftigt und sich womöglich nie zu Ende deuten lässt. Dabei ist der Plot ebenso einfach wie genial. Nacherzählt werden die Irrfahrten von Odysseus, wie sie der alte Grieche Homer beschrieben hat. Das Ganze spielt sich bei Joyce an einem einzigen Tag in Dublin ab, genau am 16. Juni 1904. An diesem Tag soll Joyce seine Freundin und spätere Frau Nora erstmals ausgeführt haben. Die Hauptfigur des Romans, Leopold Bloom, streift hier durch Dublin und durchlebt 18 Stationen, genauso wie sein literarischer Vorgänger Odysseus. Der Ulysses gehört gewiss zu den Achttausender-Gipfeln der Weltliteratur. Diese hohen Berge zu besteigen, macht fraglos Mühe. Das Gefühl, den Gipfel dann erreicht zu haben, ist aber eine einzigartige Belohnung. Wer sich hier bis zum Ende durchgekämpft hat, stößt auf einen langen inneren Monolog, einen freien Fluss von Gedanken und Assoziationen von Molly Bloom, in dem sie atemlos (und ohne jedes Satzzeichen) ihre Existenz wie ihr Verhältnis zu ihrem Mann Leopold reflektiert. Trotz vieler Schwierigkeiten, Wechselfälle und unerfüllter Wünsche legt sie im letzten Satz das für mich größte und überzeugendste Bekenntnis zum Leben und zur Liebe ab, dass sich finden lässt. Was kann Literatur mehr bieten?”